09.08.2020 - 11:56 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Zu Weihnachten Krawatten- und Damenzwang

Langweilig wars nie. Hitzige Diskussionen und Kartenspiele waren keine Seltenheit. Auch Liegestütze wurden gemacht. Der Spaß stand über all die Jahrzehnte bei den "Flaschisten" immer im Vordergrund.

von Renate GradlProfil

Im August 1960 wurde der Stammtisch der "Flaschisten" aus der Taufe gehoben. Mit der Zeit wuchs dieser auf rund 30 Mitglieder an. Doch nach 60 Jahren sind neben dem "Stich'n"-Wirt Andreas Hößl nur noch Werner Arnold (77) und Georg Specht (85) übrig. Das Trio plauderte beim jüngsten Stammtisch "aus dem Nähkästchen".

Georg Specht war kein Gründungsmitglied und stieß 1962 zu dem Stammtischbrüdern. Der Ur-Grafenwöhrer nahm berufsbedingt den Weg von Coburg aus in Kauf, um am Dienstagabend den Stammtisch nicht zu verpassen. Dabei war es gar nicht so einfach, bei den "Flaschisten" dabei zu sein, denn es gab strenge Regeln. "Nur wenn die Mehrheit der Mitglieder für den 'Neuen' abstimmte", wurde er auch aufgenommen", weiß Specht.

Viele haben damals gemeint, dass dies nur ein "Saufverein" wäre. Geprägt hat die "Flaschisten" jedoch die Kameradschaft und der Zusammenhalt, denn es war damals eine klare Sache, den Stammtischbrüdern zu helfen, die für ihre Familien ein Eigenheim geschaffen haben. "Wir haben Fußball gespielt und beim Kastenhaus Bier ausgeschenkt", erinnert sich Arnold. Das Geld wurde verschiedenen Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Davon profitiert haben unter anderen der Heimatverein, die örtlichen Kindergärten und Kinderspielplätze sowie das Heilpädagogische Zentrum (HPZ) Irchenrieth. 1965 wurde auch ein Faschingsumzug organisiert. Das Spektakel schlängelte sich durch die Grafenwöhrer Straßen.

Ein halbes Jahrhundert "Flaschisten"

"Langweilig war's nie", versicherte der "Stich'n"-Wirt. "Zuerst wurde am Katterer-Stammtisch Skat, Schafkopf und Watten gespielt und heftig diskutiert. Da gab es auch Streitereien und Raufereien", erzählt Hößl, der sich auch an die 50 Liegestütze erinnerte, die der Hacker-Charly geschafft hatte. "Als ich zwölf war, ging es beim Familienausflug nach Geiselwind. Das war schon eine Sensation, genauso wie das Schweinskopf-Essen", so Hößl.

Der Höhepunkt des Jahres war die legendäre Weihnachtsfeier, bei der immer groß aufgekocht wurde. Darin ist sich das Stammtisch-Trio einig. Es gab Krawattenzwang. Zwingend notwendig war auch die Begleitung einer Dame. Wegen dieser Bedingung war "Mann" durchaus erfinderisch, der einfach einen Mann mitbrachte, der als Frau verkleidet war. "Vor Jahrzehnten waren die Stammtisch-Brüder bis 1 oder 2 Uhr nachts im Wirtshaus; heute kann ich um 10 bis 11 Uhr abends (und das auch schon vor Corona) zusperren", bekennt der Stich'n-Anderl.

Am Dienstag Abend war aber noch ein Stammtisch anwesend. Auch dieser "namenlose" Stammtisch hat bereits mehrere Jubiläen hinter sich. Seit 43 Jahren hat das Quartett zuerst beim "Rattunde" und beim "Grill" sowie später beim "Stich'n" gekartelt. Nur Karl Kopetzky stammt aus Grafenwöhr. Peter Bräutigam und Michael Ebnet sind aus Schwarzenbach und der ehemalige Bauhof-Chef Richard Sier fährt jeden Dienstag von Weißenstadt nach Grafenwöhr. "Wenn's beim Nachbar-Stammtisch laut worn is, hammer g'lacht", meinten die Schafkopf-Spieler."Andere lang andauernde Stammtische sind nicht zu entdecken. Das Fazit von Andreas Hößl: "Die Zeiten beziehungsweise die Menschen haben sich geändert".

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