26.02.2021 - 10:25 Uhr
AmbergOberpfalz

Weniger Anrufe an der Notfallhotline: Amberger Sozialdienst ist alarmiert

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Weltweit nimmt seit der Coronapandemie die Gewalt gegen Frauen in den eigenen vier Wänden zu. Auch in der Region Amberg-Sulzbach? Die SkF-Chefin ist alarmiert, weil das Notfall-Telefon nicht mehr so oft klingelt. Kein gutes Zeichen.

Wenn alles nach Plan läuft, fällt im März 2021 mit dem Spatenstich schon der Startschuss für ein neues Frauenhaus in Amberg. Dann kann die Region mit Schwandorf zwölf Plätze für Frauen anbieten, die kurzfristig eine Unterkunft brauchen.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Unter der Rufnummer 09621/222 00 melden sich Frauen, die zu Hause vom Partner geschlagen werden. Regelmäßig. Oft haben sie keine Vertrauensperson, an die sie sich wenden können. Dann hilft die Hotline des Sozialdiensts katholischer Frauen (SkF). "In letzter Zeit wenden sich die Frauen auch an uns, weil sie in einer finanziellen Not stecken. Durch Kurzarbeit oder Berufsausstellung. Oder es fehlt im Homeschooling an technischer Ausstattung", erzählt Andrea Graf. Die SkF-Geschäftsführerin in Amberg wird auch oft nach Unterstützung angefragt. "Ein Handy in der Familie reicht oft nicht fürs Homeschooling aus."

Was Graf im Moment umtreibt, ist die sinkende Zahl an Anruferinnen, die über Gewalt berichten. "Ich habe das Gefühl, viele denken: Augen zu und durch. Die zurückgehenden Zahlen bereiten uns große Sorge."

Situation verschärft sich

Das liegt daran, dass die ganze Familie zu Hause sitzt. "Vielleicht in einem Umfeld, das eh schon schwierig ist, in der die Beziehung zum Partner kriselt, in der latent Gewalt in der Luft liegt und schließlich eskaliert." Nun verschärfe sich die Situation. Durch Ausgangsbeschränkungen, angestauten Stress. "Wie soll sich eine Frau bei uns melden, wenn ihr Mann ständig um sie herum ist?" Wenn sie keine Freundin besuchen könne, um sich austauschen? "Wir vermuten, dass sich die Frauen erst ein Herz fassen, wenn die Pandemie vorbei ist." Die Probleme würden sich verschieben und kämen dann geballt.

So war die Lage im ersten Lockdown in Amberg

Amberg

Dass sich die Lage für Frauen in der Coronapandemie verschärfen kann, zeigt eine repräsentative Umfrage der Technischen Universität München, die nach dem ersten Lockdown häusliche Gewalt untersuchte. Demnach wurden rund drei Prozent der Frauen in Deutschland in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen zu Hause Opfer körperlicher Gewalt, 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner vergewaltigt. In 6,5 Prozent aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft.

Zu den vollständigen Ergebnissen der TUM-Umfrage

Für den SkF in Amberg bleibt daher nur die Möglichkeit, "weiterhin darauf aufmerksam zu machen, dass wir da sind", sagt Graf. "Die Einrichtungen sind geöffnet. Wir können helfen." Apropos unterstützen: Helfen würde auch ein neues Frauenhaus in Amberg.

Seit Jahren zu wenig Plätze

Erst kürzlich hatte die Frauenhilfe München mehr Plätze für Frauen in Notlagen gefordert. "Ein Thema, das aktueller denn je ist. Aber nicht nur wegen Corona", sagt Graf. "Schon seit Jahren es zu wenig. Vor allem regional." Graf denkt dabei auch an die Frauenschutzwohnungen, die der SkF bis vor zwei Jahren in einem Altstadthäuschen in Amberg betrieben hat. "Die drei Plätze waren immer belegt. Unter dem Jahr mussten wir viele Frauen abweisen."

Sie mussten oft woanders untergebracht werden. "Wenn im Frauenhaus in Schwandorf nichts frei war, wurde eine Liste abtelefoniert. Im schlechtesten Fall fuhr eine Frau bis nach Hessen, wo ein Platz frei war. Das vergrößert letztlich doch die Hemmschwelle, sich zu melden. Die Frauen lassen nicht nur Partner und Wohnung zurück. Auch das komplette Umfeld - und landen in einer Stadt, in der sie sich überhaupt nicht auskennen."

Eine junge Frau aus Amberg erzählt ihre Geschichte

Läuft alles nach Plan, starten noch diesen März mit dem Spatenstich die Arbeiten für das neue Frauenhaus in Amberg. Der SkF rechnet damit, dass im Juli 2022 Frauen einziehen können. Es erwarten sie ein eigenes Bad und Schlafzimmer sowie gemeinschaftlich genutzte Küchen- und Wohnflächen. Fünf Plätze soll der Neubau bieten. Zusammen mit Schwandorf sind es dann zwölf. "Vor Ort sind auch Sozialpädagoginnen und eine Erzieherin." Sie finden in dem Neubau auch ihre Büroräume. "Tagsüber wird dort immer Betrieb sein."

Werden die zwölf Plätze in der Region die Lage entschärfen? "Es ist ein erster Schritt", sagt Graf vorsichtig. Doch geht sie davon aus, dass das Angebot Bedarf schafft. "Die fünf Plätze werden auch schnell belegt sein." Dabei sei ein Frauenhaus eigentlich dazu da, vorübergehend und kurzfristig eine Bleibe zu schaffen. "Wir wollen die Frauen schnell in eigene Wohnungen entlassen. Doch die prekäre Lage am Wohnungsmarkt macht das häufig unmöglich." Alleinerziehende Frauen mit Kindern, vielleicht zusätzlich arbeitslos: "So schnell können sie nicht das Frauenhaus verlassen."

Info:

Spenden und Hilfe

Spenden mit dem Betreff "Frauenhaus" unterstützen den Bau des neuen Frauenhauses in Amberg. Die beiden Konten des Sozialdiensts kath. Frauen e.V. lauten:

Iban DE78 7525 0000 0240 6287 35 bei der Sparkasse Amberg-Sulzbach.

Iban: DE28 7529 0000 0103 2541 43 bei der Volksbank-Raiffeisenbank Amberg eG.

Der Notruf für Frauen und Mädchen ist unter Telefon 09621/222 00 erreichbar.

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