28.06.2021 - 17:31 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Zu Gast im Impfzentrum Weiden: Gehen hier bald die Lichter aus?

Seit die Hausärzte gegen das Coronavirus impfen und die Zahl der Geimpften weiter steigt, wird über die Impfzentren diskutiert: Sind sie Auslaufmodelle? Auf der Suche nach Antworten ist Oberpfalz-Medien zu Gast im Zentrum in Weiden.

Rot heißt stehen und grün heißt gehen – bei den Arztzimmern für die Aufklärungsgespräche greifen die Mitarbeiter im Impfzentrum auf eine Ampelregelung zurück.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Mit schnellen Schritten schreitet Thomas Rauch durch das Impfzentrum des Roten Kreuzes (BRK) in Weiden. Menschen kommen dem Leiter der Einrichtung entgegen, Stimmen mischen sich: „Können Sie schon um 17 Uhr kommen?“ – „Hier, bitte, unterschreiben.“ Der Geruch von Desinfektionsmittel steigt durch die Maske in die Nase. Bildschirme, Schilder mit Pfeilen und Rot-Grün-Leuchten fordern volle Aufmerksamkeit. Doch immer mehr Menschen sind gegen Corona geimpft, immer mehr lassen sich beim Hausarzt piksen. Ist das Impfzentrum ein Auslaufmodell?

Beim Leiter des Zentrums klingt das nicht so: „Wenn man es als Krieg gegen das Coronavirus bezeichnen würde, sind wir an vorderster Front“, sagt Rauch im Gehen. Er blickt in Zimmer, zeigt auf Wände: „Die wurden extra eingezogen.“ Seit Dezember ist er im Dauereinsatz. „Dass es diese Dimension annimmt, hat bei den ersten Gesprächen keiner angenommen.“

Sicherheitsdienst vor Zentrum

Draußen knallt derweil die Sonne. Vier Menschen warten vor dem BRK-Gebäude. Die Schlangen waren einst viel länger. Ob sie wohl als Begleitung mit rein darf, fragt eine jüngere Frau. Ein Mann vom Sicherheitsdienst mit schwarzer Kleidung und schwarzer Maske winkt die Frau, die mit einer älteren Dame gekommen ist, zu sich rüber. „Einmal Temperatur messen“, sagt er und hält ein Thermometer an jede Stirn. Fünf Sekunden warten – kein Fieber, beide dürfen rein.

Wie viele Köpfe Christoph Guttenberger kontrolliert hat, weiß er nicht mehr. Der 30-Jährige steht seit der Öffnung immer wieder als Sicherheitsposten vor dem Zentrum. Die Arbeit sei viel besser als vor einem Club. 7 Tage die Woche ist die Security am Impfzentrum im Einsatz. „Objektschutz“ nennt es Guttenberger. Und: Aufpassen auf den Impfstoff. An eine Schließung des Zentrums will er nicht denken. „Ich find es hier echt schön, die Kollegen sind toll.“ Unter den Besuchern seien schon mal ein paar Unentschlossene. „Die wissen nicht, ob sie die Impfung wirklich wollen.“ Ärger mache kaum jemand.

Zentrum mit 204 Beschäftigten

204 Menschen beschäftigen das Impfzentrum in Weiden und die beiden Außenstellen in Vohenstrauß und Pressath aktuell. Darunter Vollzeit-, Teilzeit- und 450-Euro-Kräfte. Auch einige Ehrenamtliche sind dabei. Rund 500 Impfungen pro Tag werden im Impfzentrum in der Regel verabreicht. Die Höchstmarke lag bei 680 an einem Tag von 8 bis 21 Uhr. Biontech, Moderna und – bis vor Kurzem – auch Astrazeneca. Insgesamt wurden 45 603 Erstimpfungen und 35 728 Zweitimpfungen verabreicht. Täglich steigen die Zahlen.

Aktuell steigt auch wieder die Impffrequenz, weiß Rauch und holt das Smartphone aus der Hosentasche. In Echtzeit sieht der Zentrumsleiter, wie viele Menschen geimpft sind und ob es neuen Impfstoff braucht. „Heute ist der zweite Tag, an dem wir seit zwei Wochen wieder Erstimpfungen machen können.“

Publikum wird jünger

Der Arbeitseinsatz habe sich über die Zeit verändert. Seit ein paar Wochen werde das Publikum spürbar jünger. Einige Plätze im Call-Center bleiben schon leer, Headsets baumeln über den verlassenen Monitoren. „Die Generation, die jetzt dran ist, registriert sich viel über das Internet.“ Eine Frau mit Sportshirt in Neongelb und Turnschuhen spurtet die Treppen hoch, oft nimmt sie zwei Stufen auf einmal. Zeitgleich fragt ein älterer Herr, wo es zum Aufzug geht. Wer aber in den ersten Stock zur Impfung will, muss vorher mit einem Arzt sprechen. Kleine Ampeln an den Arztzimmern im Erdgeschoss geben „grünes“ Licht für das Aufklärungsgespräch. „Die haben wir extra angeschafft“, sagt Rauch, „damals im Dezember ging alles Schlag auf Schlag. Wir haben alles aus dem Boden gestampft.“ Jetzt läuft es wie am Fließband.

Rot heißt besetzt. Bei Professor Tim Krafft leuchtet ein grünes Lämpchen. Für den Kieferchirurgen im Ruhestand ist der Job ein Volltreffer. Schon 15 Mal in diesem Monat war er als Impfarzt vor Ort. Der Job gibt ihm neuen Rhythmus im Alltag. „Als Arzt nichts zu tun zu haben, ist schrecklich.“ Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns habe ihn vermittelt. „Dort kann man sagen, wann man Zeit hat und wird dann eingeteilt.“

Und wie kam der Verwaltungsleiter Thomas Rauch zu seiner Position? Er lacht und sagt: „Wie die Jungfrau zum Kinde.“ Seit 2019 ist er hauptamtlich beim Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes angestellt, zuvor managte er die Servicestelle Ehrenamt. Als die Frage vom Geschäftsführer kam, sagte der 33-Jährige zu. Dabei habe er nicht wirklich gewusst, was auf ihn zukommt. Heute spricht er von einer „50-Stunden-Plus-Woche“. Sachlich. Konzentriert. Kein Wort der Beschwerde. „Irgendwann musste ich aber sagen, es geht nicht mehr. Alleine hatte ich keine Chance.“ Die Arbeit im Impfzentrum sei Teamwork. Viele kleine Zahnräder, die ineinander greifen. Rauch holte sich einen Stellvertreter, Sebastian Seibert (27), „ein Organisationstalent“, ins Boot. „Seitdem teilen wir uns das auf, es ist einfach ein wahnsinniger Organisationsaufwand.“ Mit ärztlichem Leiter Gerhard Wührl bilden sie das Trio an der Spitze der Impfzentren in Weiden und dem Landkreis Neustadt. Hinzu kommen fünf weitere Mitarbeiter des Kreisverbandes, die zusätzlich zu ihrer eigentlichen Tätigkeit die Impfzentrumsleitung im Schichtbetrieb übernehmen.

Mitarbeiter wollen alle helfen

Rauch will nicht gern über sich reden, viel mehr würdigt er alle Mitarbeiter: „Wir als Leitungsteam möchten uns bei jedem Einzelnen bedanken. Innerhalb kürzester Zeit sind alle in diese völlig unbekannte Aufgabe hineingewachsen. Man darf nicht vergessen, die meisten machen diesen Job, um zu helfen und nicht, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“

Im ersten Stock geht alles ganz schnell. Frauen in blauen Kitteln wirbeln umher. In den Händen das flüssige Gold – die Impfdosen. Keine Minute bleiben die Duschvorhänge für den Piks geschlossen. Gab es schon schlimme Nebenwirkungen? „Mehr als Spritzenangst und Schwindel nicht“, sagt Stellvertreter Seibert. Bei über 70 000 Impfungen.

Letzter Stichtag ungewiss

Noch viel mehr wären möglich. Nur der Impfstoff ist knapp. „Früher konnten wir entsprechend unserer Kapazitäten bestellen, dann bekamen wir nur noch die Dosen für die Zweitimpfungen.“ Kommt das Ende der Impfzentren also so schnell wie die Eröffnung? „Die Diskussionen und was die Politik sich ausgedacht hat, erfahren wir oft nur aus der Presse“, sagt Rauch. Anfangs sei ein Betrieb bis 30. Juni angedacht gewesen. Terminvereinbarungen gehen heute schon weit über diesen Tag hinaus. Auch das Jahresende sei für die Schließung im Gespräch gewesen. Momentan gelte der 30. September als Stichtag. „Aber wir wissen noch nichts Genaues.“

Schichtwechsel: Türen öffnen und schließen sich. Die Frauen aus dem Impfbereich springen ohne Kittel, dafür in kurzen Hosen der Feierabend-Hitze entgegen. Ärzte plaudern auf den Fluren. Eine Frau mit Kittel rennt die Treppe hinunter und ruft: „Jetzt hat der Herr Doktor schon wieder seine Brille vergessen.“ Die Impfzentrumsfamilie ist lebendig wie eh und je.

Impfstoff in Weiden und Kreis Neustadt/WN bleibt knapp

Weiden in der Oberpfalz

Zu Beginn der Corona-Impfungen: Ein Erfahrungsbericht

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund :

Impfungen gegen das Coronavirus in Bayern

  • Beginn der Corona-Impfungen: 27. Dezember 2020
  • Gesamtzahl Impfungen in Bayern: 10.087.958
  • Erstimpfungen in Weiden: 47.951 (27. Juni)
  • Zweitimpfungen in Weiden: 39.188 (27. Juni)
  • Bevölkerungsanteil mit Erstimpfung in Bayern: 50,9 Prozent
  • Bevölkerungsanteil mit vollständigem Schutz: 35,2 Prozent

Quelle: Bayerisches Gesundheitsministerium und Robert-Koch-Institut (Stand: 27. Juni 2021)

 

 

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