19.10.2021 - 15:17 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Fischotter raubt Teichwirten im Landkreis Tirschenreuth den letzten Nerv

Die Kreisräte gehen auf die Barrikaden. Schuld ist der Fischotter, der immer mehr Teiche leer frisst. Nun soll ein neues Monitoring her. Mit den Konsequenzen ist sogar der Grünen-Sprecher einverstanden.

Ein Kilo Fisch pro Tag frisst so ein Otter. Die einst vom Aussterben bedrohten Tierart richtet enorme Schäden an, beklagen Teichwirte im Landkreis.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Bei den Teichwirten liegen die Nerven blank. Grund ist die Verbreitung einer Tierart, die einst vom Aussterben bedroht war und jetzt viele Gewässer fast leer fischt. Der Fischotter braucht dringend eine Regulierung, finden auch Kommunalpolitiker. Mit einem entsprechenden Antrag rannte Hans Klupp, Sprecher der Freien Wähler und selbst Teichwirt, im Kreisausschuss offene Türen ein.

Gefordert wird eine wissenschaftliche Untersuchung, welchen Einfluss Fischotter und andere Prädatoren – das bedeutet in der Biologie Räuber oder Beutegreifer – auf das FFH-Gebiet Waldnaabtal haben. Sowohl die traditionelle Teichwirtschaft als auch die Artenvielfalt sei in Gefahr, wird unter anderem der Rückgang von Amphibien, Bachforellen und Perlmuscheln angeführt. Vermisst wird ein "praxisgerechter Handlungsrahmen" und das Management verschiedener Tierarten wie Biber, Otter und Kormoran. Das bedeutet: Eine Entnahme, also Fangen und Töten von streng geschützten Tieren, soll auch in Naturschutzgebieten erlaubt sein.

Europäisches Naturerbe

Seit August liegt der Entwurf eines Managementplans vor, mit dem die Regierung der Oberpfalz die weitere Marschrichtung zum Erhalt des 2600 Hektar großen Naturschutzgebietes Waldnaabtal zwischen Tirschenreuth und Windischeschenbach absteckt. Gebietsbetreuer Thomas Kurzeck blickte auf die Anfänge in den 1990er Jahren zurück, dieses europäische Naturerbe zu erhalten. Derzeit werde der Managementplan erstellt. Man wolle dabei alle Beteiligten mit ins Boot holen, verwies er auf einen Besprechungstermin am 5. November um 14 Uhr im Tirschenreuther Kettelerhaus. Als schützenswerte Arten in dem Gebiet seien sowohl der Biber als auch der Fischotter aufgenommen, beschrieb er die Ausgangssituation.

"Niemand will den Otter ausrotten. Aber er macht große Probleme im FFH-Gebiet", bekräftigte Hans Klupp. Er forderte eine Untersuchung, welche Auswirkungen die Population auf andere schützenswerte Arten und vor allem auf die Kulturlandschaft hat. Als "gröbsten Unfug" bezeichnete er die Auffassung, ein Gebiet nur in Ruhe lassen zu müssen, dann entstünde das Paradies von alleine. Fakt sei, dass die staatliche Unterstützung für traditionelle Bewirtschaftung in der Waldnaabaue nicht funktioniere. "Kollegen haben massivste Einschränkungen", beklagte er Einbußen von 60 bis 80 Prozent. Von Abwehrmaßnahmen wie Zäunen oder Netzen über den Teichen hielt er in einem Naturschutzgebiet gar nichts. Klupp fügte seinem Antrag die Einschätzungen des langjährigen Jagdpächters Peter Hamm und des erfahrenen Fischzuchtmeisters Franz Kühn an, wonach sich die Biodiversität in dem Gebiet bereits erheblich verschlechtert hat.

"Wer will leere Teiche?"

Das Anliegen eines neuen Monitorings traf im Kreisausschuss auf offene Ohren. "Wer will zwei Meter hohe Zäune? Wer will leere Teiche?", fragte Landrat Roland Grillmeier. Er bekannte sich als Fan der Waldnaabaue und Unterstützer der Teichwirte. "Beim Biber und Kormoran haben wir geschafft, dass eine Entnahme möglich ist. Da müssen wir beim Otter auch hin." Auch in Ministerien müssten einige über ihren Schatten springen und die Problematik ernst nehmen.

Volle Unterstützung für den Antrag der Freien Wähler äußerten alle Fraktionen. "Wir sollten den Praktikern mit konkreten Handlungsempfehlungen mehr Gehör schenken", fand Uli Roth (SPD). Bernd Sommer (CSU) wandte sich gegen "überspitzte Ideologien" im Naturschutz. Wer sich auf die Tradition berufe, müsse auch sehen, dass die Zisterzienser als Vorgänger der heutigen Teichwirte einen sehr pragmatischen Umgang mit den Tieren hatten: "Sie haben das Problem gelöst und Fischotter und Biber in der Fastenzeit gegessen."

Matthias Grundler (Zukunftsliste) war dafür, der Bevölkerung reinen Wein einzuschenken. Der Erhalt der Teichwirtschaft sei nicht ohne Entnahme von Fischottern möglich. Für die Grünen unterstützte Josef Schmidt den Antrag: "Wir müssen hier regulierend eingreifen, sonst ist das Problem nicht in den Griff zu kriegen. Wir haben zwar fast ausgestorbene Arten wieder angesiedelt, aber nicht bedacht, dass diese Arten Hunger haben." Der Landkreis solle eine Modellregion für ein sinnvolles Miteinander von Mensch und Natur werden.

In Rage redete sich Alfred Stier (CSU), der auch Vizepräsident im Landesfischereiverband ist: "Wir halten es nicht länger aus. Von null Ertrag kann man nicht leben. Bei Verlusten von 70 Prozent brauche ich keine Fische mehr einzusetzen."

Dutz: Fische ins Ministerium schicken

Toni Dutz (CSU) ging noch weiter auf die Barrikaden: "Vielleicht sollten wir mal angefressene Fische ins Ministerium nach München schicken." Auch eine Demonstration auf dem Marienplatz schien ihm sinnvoll, denn die Zeit dränge: "Jeder Politiker sagt nur, man muss was tun. Aber immer mehr Teichwirte verzweifeln – am Staat, an den Naturschutzverbänden, an den Gerichten", sprach er die jüngste Entscheidung gegen eine Fischotterentnahme in drei Gebieten der Oberpfalz an. Es müsse nicht nur "Rettet die Bienen" heißen, sondern auch "Rettet den Karpfen".

Reviertreuer Fischotter

Unterstützung kam in der Sitzung auch von Alexander Horn, Fachberater für Fischerei in der Oberpfalz. Inzwischen sei die komplette Waldnaabaue und das Gebiet darum herum von Prädatoren besiedelt. "Der Fischotter gibt sein Revier nicht auf, sondern stellt gerade bei dieser Populationsdichte seine Nahrung um." Proben hätten ergeben, dass die Tiere auch komplett von Amphibien leben. Horn sah mangelnden politischen Mut, eine Entnahme zu erlauben. Umso wichtiger sei eine Untersuchung, welchen Einfluss der Fischotter tatsächlich auf andere Arten im Naturschutzgebiet hat.

Gericht entscheidet: Keine Ausnahme vom Otter-Tötungsverbot

Oberpfalz

Managementplan Waldnaabaue

Tirschenreuth
Hintergrund:

Schutzstatus von Otter, Biber und Kormoran

  • Der Fischotter hat den höchsten Schutzstatus und darf nach derzeitiger Rechtslage bundesweit ganzjährig überhaupt nicht gejagt, gefangen, getötet werden.
  • Der Biber ist eigentlich ebenso streng geschützt. Ausnahmegenehmigungen für jeweils drei Jahre darf jedoch das Landratsamt erteilen, wenn erhebliche Schäden für die Teich- und Landwirtschaft drohen.
  • Das Landratsamt prüft jeden Einzelfall. Für den Biber laufen derzeit 155 Anträge.
  • 2019 verzeichnete das Landratsamt 122 getötete Biber. Davon sind 19 Verkehrsopfer.
  • Der Kormoran ist eine europaweit besonders geschützte Vogelart. Für Ausnahmegenehmigungen zum Abschuss in bestimmten Zonen zu bestimmten Zeiten ist die Regierung der Oberpfalz zuständig.

"Wir haben zwar fast ausgestorbene Arten wieder angesiedelt, aber nicht bedacht, dass diese Arten Hunger haben."

Grünen-Sprecher Josef Schmidt

 

 

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