22.02.2021 - 16:29 Uhr
ImmenreuthOberpfalz

Wertvolle Briefe aus der Milchkanne

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Heute ist das Geburtshaus von Joseph Bayerl bei Günzlas eine heruntergekommene Ruine. Er gehörte den Comboni-Missionare an. Rückschlüsse auf deren Leben im Zweiten Weltkrieg geben Briefe, die an einem ungewöhnlichen Ort versteckt waren.

Einst lebten in diesem bäuerlichen Anwesen bei Günzlas 70 Comboni-Missionare. Nun verfällt das Gebäude zusehends. Rückschlüsse auf das Leben der Ordensbrüder im Zweiten Weltkrieg geben Berichte und Briefe, die in einer wenig beachteten Milchkanne im Viehstall gefunden wurden.
von Bernhard KreuzerProfil

Nahe des Weilers Günzlas bei Immenreuth ist ein altes, verfallenes Bauernhaus zu finden. Das Dach ist eingebrochen, die Regenrinne hängt herunter, die Mauern fallen zusammen. Das Betreten ist lebensgefährlich. Ein Blick durch Tür und Fenster verrät: Chaos und Durcheinander auch im Innern. Viele Erinnerungen bäuerlichen Lebens und der seiner einstigen Bewohner gehen mit dem zusammenbrechenden Gebäude verloren. In den zurückliegenden Jahren war vieles Wind und Wetter – vor allem Regen – ausgesetzt. Doch eine unscheinbare alte Milchkanne, die gleich am Eingang zum Viehstall neben einer ausrangierten Autobatterie liegt, birgt einen Schatz, den scheinbar jahrelang niemanden interessiert hat. In der Kanne versteckt waren Dokumente, die Einblicke in das Leben von 70 Comboni-Missionaren während des Zweiten Weltkriegs geben.

Als Soldaten an der Front

Einer der Comboni-Missionare war Pater Joseph Bayerl. Er wurde im Haus in der Oberpfalz am 20. Juni 1920 geboren. Mit zwölf Jahren kam er ins Josefinum nach Ellwangen, wo er am 29. Mai 2005 auch verstarb. 1940 legte er bei den Comboni-Missionaren in Bamberg die Gelübde ab. Sein Studium wurde wie bei allen seinen Alterskollegen durch Militärdienst und Gefangenschaft unterbrochen. Sein Kriegsdienst endete im sogenannten „Seminar für Soldaten in Gefangenschaft“ im französischen Chartres.

Drei Briefe aus dem Allgäuer Missionshaus in Mellatz wurden in der Milchkanne auf dem Hof gefunden. Das Allgäuer Missionshaus wurde 1928 bezogen und diente zunächst als Ausbildungsort von Brudermissionaren.

Geschrieben wurden die Briefe im Juli, September und Oktober 1943. Auf 19 Seiten rotem Durchschlagspapier mit Schreibmaschine getippt, führte das Missionshaus in Mellatz die Berichte der Ordensbrüder aus den Kriegsgebieten zusammen. Diese roten Seiten dokumentierten das Schicksal von Pater Joseph Bayerl und seinen Mitbrüdern aus Deutschland und Österreich. An allen Fronten waren sie als Priester, Sanitäter und Soldaten eingesetzt. Bayerl wird in den drei Briefen, die alle mit „Meine lieben Soldaten“ beginnen, nur einmal kurz erwähnt. Auf Seite 4 des ersten Briefes von Juli 1943 heißt es: „Ist seit 1.5. wieder k.v., macht Aussendienst und wartet jeden Tag auf Abstellung; die Rechnungskanzlei hat er ja schon längst verlassen.“

Leben an der Front dokumentiert

Der Österreicher Johann Scharzenberger fiel am 13. August 1943, 40 Kilometer ostwärts von Jelnja durch Kopfschuss, berichtet der erste Brief von Juli 1943. „Er hat als der 16. aus unseren Reihen sein Leben für das Vaterland hingegeben“, ist zu lesen. 1943 spielte die russische Stadt Jelnja, westlich von Moskau, eine Schlüsselrolle bei der Gegenoffensive der Roten Armee in der Folge der Schlacht am Kursker Bogen. Eine Situation an der Front wird in den Briefen wie folgt beschrieben: „Vielfach geht man mit Gasmasken über die Todesstätten, der Verwesungsgeruch ist bei der Hitze nicht zu ertragen.“ Auch hinter der Front, auf dem eingerichteten Hauptverbandsplatz – „Wir richteten sie mit Vorliebe in Kirchen ein“ – ging es übel zu: „Es wurden nur die allernotwendigsten Fälle behandelt, die anderen gleich weiter zurückgeleitet. Ganze Lastwagenkolonnen standen längs der Strasse vor unserer Kirche, die Verwundeten mit cm-dicken Staub bedeckt, die Kleider blutgetränkt und zerfetzt, was der Wagen nur fassen konnte; dazwischen Tote, die das Lazarett nicht mehr lebend erreichten. In kleinen Bächlein floss das Blut zwischen den Reihen der Krieger. In jenen Tagen wurde wenig gesprochen.“ Der Verfasser schreibt weiter: „Vielen habe ich das Soldatengrab eingesegnet. Kreuz setzten wir keines mehr darauf, da wir wussten, dass am nächsten oder übernächsten Tag schon russische Soldaten über den Friedhof marschieren und dahinfahren.“ Ein Meisterstück sei es jedes Mal gewesen, innerhalb weniger Stunden bei Tag oder Nacht, die Verwundeten alle wegzuschaffen, die Toten zu beerdigen, die Lazaretteinrichtung zu verladen, seine eigenen sieben Sachen zusammenzusuchen und rechtzeitig abzuhauen. „Ringsum brannten die Dörfer und neben uns die Strohhaufen lichterloh, die unsere Brandkommandos anzündeten.“ Der Russe sollte laut Bericht in einen völlig leeren Raum stoßen. Pater Joseph Bayerl, so erinnert sich seine Nichte Monika, wurde durch einen Bauchschuss verwundet.

Oft finden sich auch gefährliche Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg

Eschenbach

Ein anderer Comboni-Missionar – Bruder Bauer – schreibt in einem Brief, dass in ihren russischen Krankenhäusern fast 100 Zivilpersonen eingesetzt wurden. „Ab und zu entpuppt sich eine als Partisanin“, teilt er mit. Es ist von grausamen Mückenplagen, vom Partisaneneinsatz durch Sumpf und Wald oder dem Ausheben von Splittergräben für die Pferde in den eng beschriebenen Zeilen zu lesen. Geschildert werden schwere Kämpfe mit der Roten Armee, die mit 500 Geschützen und 600 Panzern angriffen.

Zeilen aus Gefangenschaft

Von Bruder Johann Merz ist zu lesen: „Seinen besten Freund verlor er durch den Tod; noch kurz vor seiner Verwundung sangen sie mitsammen: ,Näher, mein Gott, zu Dir!‘ Wenige Stunden später bekam er den Auftrag, ihn als Leiche beim Hauptverbandsplatz zu holen.“ Bei einem Angriff der Russen sei er in treuer Pflichterfüllung an seinem Maschinengewehr durch einen Volltreffer gefallen, heißt es über den Mitbruder Alfons Spitznagel. Aus der Gefangenschaft schickte Bruder Almer folgende Zeilen nach Mellatz ins Allgäu: „... diese Hitze hier in der ägyptischen Wüste macht einen doch bald kaputt. Besonders fehlt uns hier das Grün der Heimat.“ Mücken-, Fliegen- und Läuseplagen melden Missionsbrüder aus Norwegen. „Wir können nicht tiefer fallen als in die Hände Gottes“, sagte ein Landser als letzte Grüße.

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