07.10.2021 - 18:40 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Der letzte KZ-Wärter von Flossenbürg ist tot - Ermittlungen eingestellt

Der letzte noch lebende SS-Wachmann des KZ Flossenbürg ist tot. Wie die Staatsanwaltschaft Weiden bestätigt, ist der Franke im September kurz vor seinem 97. Geburtstag nach einem Krankenhausaufenthalt verstorben.

Essensappell im Steinbruch, SS-Foto von 1942.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Das letzte Ermittlungsverfahren gegen Wachmannschaften des Konzentrationslagers Flossenbürg ist eingestellt. Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Christian Härtl ist der Beschuldigte Ende September in seinem Heimatort in Unterfranken verstorben. Der 96-Jährige war kurz zuvor von einem längeren Krankenhausaufenthalt entlassen worden. Der Vorwurf gegen ihn lautete auf Beihilfe zum Mord: Der Mann war ab Januar 1945 Angehöriger des SS-Totenkopf-Sturmbann Flossenbürg, der das Lager bewachte. In der Dienstzeit des gelernten Schreiners starben im Hauptlager Flossenbürg nachweislich mindestens 3458 Häftlinge an den Bedingungen oder durch gezielte Tötungen der SS.

Kurz vor ärztlicher Begutachtung

Die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg hatte das Verfahren im April nach Weiden gegeben. Das ist der übliche Ablauf: Die Ermittler in Ludwigsburg erledigen die Vorermittlungen; dann übernimmt die örtliche Staatsanwaltschaft und prüft, ob Anklage erhoben wird. Ursprünglich waren es sogar zwei Ermittlungsverfahren gegen Flossenbürger SS-Wachleute. Eines "erledigte" sich noch im Frühjahr: Der Beschuldigte, ein schwäbischer Malermeister (Jahrgang 1925) und Vater von fünf Kindern, starb im April.

Im Fall des Unterfranken liefen gerade die Vorbereitungen für die Begutachtung durch einen Amtsarzt. Der Tod kam dem zuvor. Der Beschuldigte lebte bis zuletzt in seinem 500-Einwohner-Heimatort im Landkreis Würzburg. Der 96-Jährige hatte sich bereits einen Anwalt genommen, der ärztliche Atteste vorlegte, die dem 96-Jährigen vor einer Vernehmung bewahren sollten.

Er war 19, als er zur SS nach Flossenbürg kam. Julius Scharnetzky, wissenschaftlicher Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte, schildert die Situation im KZ Flossenbürg ab Januar 1945. Es gab tausende Tote. Da die Verbrennungsanlagen nicht mehr ausreichten, begann die SS die Leichen unter freiem Himmel zu verbrennen.

Das Lagersystem explodierte regelrecht. Die Ost-Lager befanden sich in Auflösung. Todesmärsche setzten sich in Bewegung. Das Wachpersonal wurde mit Soldaten der aufgelösten Luftwaffe aufgestockt. Auch "einfache" Wehrmachtssoldaten wurden als KZ-Wärter eingesetzt. Zu letzterer Gruppe gehörte der 96-Jährige. Er war mit 18 Jahren 1942 zu einem Infanteriebataillon in Erlangen eingezogen worden. 1942 wurde dieses Bataillon ins Protektorat Böhmen und Mähren verlegt. Gemäß der Stempel in seinem Wehrpass kam er im August 1944 zunächst zur SS ins KZ Buchenwald, am 10. Januar 1945 dann nach Flossenbürg.

Verraten haben ihn jetzt - so viele Jahrzehnte danach - die Stempel in seinem Wehrpass: "SS-T-Stuba Flobü" (SS-Totenkopf-Sturmbann Flossenbürg). Das Dokument gehört zu einer Sammlung von 1160 Wehrpässen, die 2017 vom Prager Militärarchiv online gestellt wurde. Die Wehrpässe befanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tschechoslowakei. Dort lagen sie - bis die Tschechen sie einscannten. In Tschechien besteht eine Abgabepflicht von alten Dokumenten an die Archive. Mit großem Fleiß digitalisieren die Archivare im Nachbarland seit Jahren, was das Zeug hält. Die Wehrpässe sind online abrufbar.

Dritter Versuch

In Weiden ist mit der Einstellung des letzten Verfahrens ein dritter Versuch gescheitert, einen Verantwortlichen für Nazi-Verbrechen zur Anklage zu bringen. 2014 starb Johann Breyer (89), ehemaliger Wachmann im KZ Auschwitz, kurz vor seiner Auslieferung aus den USA. 2014 musste auch das Verfahren gegen einen 95-Jährigen aus Bayern eingestellt werden, der als Funker im KZ Flossenbürg Exekutionsbefehle empfing und weitergab. Der 95-Jährige wurde aus gesundheitlichen Gründen nicht weiterverfolgt.

Laut Thomas Will, Leiter der zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, waren 2021 bundesweit zehn Verfahren anhängig. Jetzt sind es nur noch neun. Das Ermittlungsverfahren gegen den Franken war das einzige in Bayern. Aktuell sind in Itzehoe eine 96-jährige Stenotypistin des KZ Stutthof sowie in Neuruppin ein 100-jähriger Wachmann des KZ Sachsenhausen angeklagt.

Ist er der letzte noch lebende KZ-Wärter Flossenbürg?

Weiden in der Oberpfalz

Hinrichtungsbefehl per Enigma: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Funker des KZ Flossenbürg

Die Akte Breyer: 2014 stirbt Amerikaner kurz vor Auslieferung

Kommentar:

Die Frage ist nicht: Warum? Sondern: Warum erst jetzt?

In Brandenburg begann am gestrigen Donnerstag, 7. Oktober 2021, vor dem Landgericht Neuruppin der Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Dem mittlerweile Hundertjährigen wird Beihilfe zum Mord an 3518 Menschen vorgeworfen. In Itzehoe macht eine 96-jährige ehemalige Sekretärin des Konzentrationslagers Stutthof Schlagzeilen, die letzte Woche den ersten Prozesstag platzen ließ. Sie türmte im Taxi aus ihrem Seniorenheim, um sich die Schmach einer Gerichtsverhandlung zu ersparen.

Ist es wirklich sinnvoll, Greise vor Gericht zerren, die als Minderjährige eingezogen wurden? Die Frage darf nicht lauten: Warum? Sie muss lauten: Warum erst jetzt? Warum hat man nicht schon früher die verantwortliche Generation auf die Anklagebank gebracht? Die Versäumnisse liegen in der Vergangenheit und können nicht wieder gut gemacht werden. Jahrzehntelang zog die Justiz die Mörder und ihre Gehilfen nicht ausreichend zur Verantwortung.

Selbst den Nebenklägern geht es nicht um eine möglichst harte Bestrafung. Heute geht es vor allem darum, dass Unrecht zugegeben wird – auch das Unrecht einer mangelhaften Strafverfolgung.

 

 

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