06.05.2021 - 10:43 Uhr
AmbergOberpfalz

Tier-Drama in Vilseck: 23 Katzen aus Messie-Wohnung gerettet

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Teils völlig verwahrlost und krank: Gemeinsam mit der Polizei haben Tierschützer 23 Katzen aus einer Messie-Wohnung in Vilseck befreit. Manche Tiere kämpfen um ihr Leben, die anderen werden im Amberger Tierheim versorgt und aufgepäppelt.

Michl schaut noch etwas schüchtern, als er von Tierheimleiterin Jennifer Caudill fürsorglich auf den Arm genommen wird. Der Kater hat die Strapazen in einer Messi-Wohnung überlebt und erholt sich nun auf der Quarantäne-Station des Amberger Tierheims.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Ob alle Tiere überleben, ist noch ungewiss. „Vielleicht müssen wir zwei erlösen, sie sind in sehr kritischem Zustand“, sagt Jennifer Caudill. Die Leiterin des Amberger Tierheims war dabei, als vergangenen Freitag bei einer Sonderaktion 23 völlig verwahrloste Katzen aus einer vermüllten Wohnung in Vilseck gerettet wurden. Gemeinsam mit einer Polizeistreife, Mitarbeitern vom Amberger Veterinäramt und einer Tierärztin erlebte Caudill die Beschlagnahme der verstörten Kurzhaarkatzen mit.

Ein Senior, von Caudill als „Messie“ beschrieben, hatte die Tiere nicht artgerecht und unter untragbaren Zuständen in seiner kleinen, weitgehend vermüllten Wohnung gehalten. Als eine Nachbarin den Amberger Tierschutzverein informierte, brachte der Mann 8 von 23 Katzen in die Vilsecker Tierarztpraxis von Dr. Birgit Weigl. Als die Veterinärin die Haustiere sah, schaltete sie sofort die Behörden ein – die Aktion kam ins Laufen.

Von Parasiten befallen

„Die Katzen litten unter Flüssigkeitsmangel, waren unkastriert und befallen von Parasiten, hatten teilweise Probleme mit den Augen, und die Zähne waren in sehr schlechtem Zustand“, beschreibt Caudill den schockierenden Moment, als sie mit Polizei und Veterinäramt die stinkende Wohnung betreten hat. Der Besitzer habe zwar „einsichtig reagiert“ und sich bereit erklärt, die Katzen abzugeben. Aber: „Offenbar war er überrumpelt von dem großen Aufgebot, denn die Nachbarin hat schon seit langem Druck gemacht – und da war er nie kooperativ“, sagt die 36-Jährige.

Auch die Vierbeiner einzufangen, war wohl eine Herausforderung. „Die Katzen waren schwer verunsichert. Beim Versuch, die erste mitzunehmen, sind die anderen erschrocken. Wir mussten Fangnetze benutzen.“ Laut Caudill nicht verwunderlich: Die Katzen waren unterversorgt und immer in der Wohnung eingesperrt – in den Garten haben sie nicht gedurft. Die älteste Katze, die aus der Messie-Wohnung befreit wurde, ist laut Tierschützerin Caudill 20 Jahre alt, doch es war auch eine Mutter mit zwei Kitten (Babys) dabei.

Einschläfern möglich

Die Stubentiger sind nun an verschiedenen Orten untergebracht. „Elf von ihnen sind in sehr schlechter Verfassung, sie sind in der Tierarztpraxis von Dr. Weigl“, sagt Jennifer Caudill. Dazu zählen auch die zwei Katzen, die momentan um ihr Leben kämpfen und womöglich eingeschläfert werden müssen. Der Rest wird gerade im Amberger Tierheim aufgepäppelt. Das ist mit großem Aufwand und hohen Kosten verbunden, auf denen der Tierschutzverein als Träger des Heims womöglich sitzen bleibt.

Um zu verhindern, dass die beschlagnahmten Katzen andere Tiere anstecken, sind sie zunächst auf der Quarantänestation untergebracht und in Einzelkäfigen separiert. „Wir kennen von keiner Katze den Gesundheitszustand und müssen deshalb auf Nummer sicher gehen“, erklärt die Leiterin des Tierheims die Maßnahme.

Im Heim kümmern sich die Tierschützer so gut es geht um ihre hilfsbedürftigen Neuzugänge. „Jede Katze wird zweimal entwurmt, geimpft und kastriert. Gemeinsam mit dem Quarantäneaufenthalt kostet das circa 5000 Euro“, erklärt die Tierheim-Chefin. „Da sind die Behandlungskosten der Praxis von Dr. Weigl aber noch nicht mit eingerechnet.“ Dort werden momentan die elf Katzen behandelt, denen es am schlechtesten geht. Zusammen könnten laut Caudill die Kosten für das Retten und Gesundpflegen der 23 Katzen bis zu 10 000 Euro ausmachen.

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„Messi-Verhalten ist krankhaft“

Die Tierschützerin wirft dem Senior „massive Haltungsfehler“ vor. Ob er dafür wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz eine Strafe zahlen muss, ist aber noch unklar. „Das Veterinäramt hat den Fall genau dokumentiert und gibt einen Bericht ans Ordnungsamt weiter, dann wird entschieden, wie es mit einer Strafe ausschaut“, sagt Caudill.

Obwohl die 36-Jährige die Zustände in der Vilsecker Wohnung als „ganz schlimme Haltung“ bezeichnet, will sie den Besitzer nicht öffentlich an den Pranger stellen. „Messie-Verhalten ist eine Krankheit. Das sind Leute, die mit sich selbst völlig überfordert sind und oft denken, sie würden den Tieren etwas Gutes tun. Sie erkennen nicht, wie die Tiere mit ihnen selbst leiden.“

Die Aufgabe von Caudill und ihren Mitarbeitern im Tierheim ist es nun, die geschundenen Tiere wieder gesund zu pflegen, damit sie möglichst bald eine neue und dauerhafte Heimat finden. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir alle Katzen erfolgreich in die Vermittlung bekommen und dass es ihnen in einem neuen Zuhause besser gehen wird als zuvor.“ Darauf werde bei der Vergabe von Tieren momentan sowieso besonders Wert gelegt, beteuert die 36-Jährige – wegen der Pandemie. „Aktuell ist es so, dass durch Corona fast jeder ein Haustier will.“ Im Tierheim gibt es deshalb momentan nur noch 2 Katzenmütter mit ihren Babys, 25 Kaninchen, 5 Meerschweinchen und 5 Hunde. „Das ist so wenig wie noch nie“, sagt Caudill.

Katzen suchen neue Heimat

Die 23 geretteten Katzen aus Vilseck seien hierbei aber noch nicht mitgezählt, weil sie die Quarantäne noch nicht verlassen haben und erst in den kommenden Wochen zur Vermittlung angeboten werden. Dann warten sie auf neue und liebevolle Herrchen und Frauchen, die ihnen ein sauberes Zuhause geben – zumindest die Miezen, die ihre Strapazen überleben.

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Info:

Tipps: Katzen richtig halten und ernähren

  • Kastrieren: Ist besonders bei Freigängern wichtig, wird aber auch bei Hauskatzen empfohlen.
  • Sozialleben: Katzen sind soziale Wesen, die sich nach Artgenossen zum Spielen sehnen. Kontakte zu Menschen können die Beziehung zu anderen Katzen nicht ersetzen. Gerade Hauskatzen sollten deshalb mindestens zu zweit gehalten werden, um nicht zu vereinsamen – besonders, wenn der Halter berufstätig und das Tier oft allein zu Hause ist. Die Zweier-Regelung sollten insbesondere Halter beachten, die Katzenbabys (Kitten) groß ziehen.
  • Ernährung: Kein Essen vom Tisch oder Essensreste: Darin sind viele Salze enthalten, die Katzen nicht vertragen. Keine Kuhmilch: Die ist für Katzen tabu, weil ihnen die entsprechenden Enzyme fehlen, um die Milch zu verdauen. Wenn überhaupt, nur spezielle Katzenmilch verwenden - und möglichst nur als seltenes "Leckerli".
  • Gras-Fresser: Katzen fressen auch Gras. Nicht als Nahrung, sondern um sich zu übergeben. So werden die Tiere kleine Haarknäuel wieder los, die beim Putzen des Fells mit der Zunge in den Magen gelangen.
Info:

Spenden fürs Tierheim

Das Amberger Tierheim bleibt wahrscheinlich vollständig auf den Kosten für die Versorgung und medizinische Behandlung der 23 geretteten Katzen übrig. Wer dem Heim helfen und spenden möchte, kann das Geld auf dieses Spendenkonto überweisen:

  • Institut: Sparkasse Amberg-Sulzbach
  • IBAN: DE05 7525 0000 0190 0107 93

"Diese Leute sind mit sich selbst völlig überfordert und wissen oft nicht, was sie den Tieren antun."

Tierheimleiterin Jennifer Caudill

Tierheimleiterin Jennifer Caudill

 

 

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