16.05.2021 - 17:38 Uhr
AmbergOberpfalz

Kritik am Probeunterricht immer lauter: Unmut bei Eltern und Lehrern wächst

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Guter Notenschnitt oder bestandener Probeunterricht: Diese beiden Möglichkeiten haben Viertklässler, wenn sie auf eine weiterführende Schule gehen möchten. Ist das auch im Corona-Jahr 2021 sinnvoll? Eine Mutter aus Amberg findet das nicht.

Der Probeunterricht in Bayern findet auch heuer trotz der Corona-Pandemie wie üblich statt. Eltern und der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband kritisieren die Entscheidung.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

"Gleiche Bildung für alle" - besonders während der Pandemie scheint dieser Leitsatz wieder aktuell zu sein, wenn es um den Probeunterricht geht. Die Frage: Ist es unter den gegebenen Umständen gerecht, dass drei Tage Testunterricht entscheiden, welchen schulischen Weg ein Kind einschlägt? Eine Amberger Mutter, die anonym bleiben möchte und ein Kind in der Übertrittsphase hat, bezweifelt das. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien betont sie, dass es ihr nicht nur um ihren Nachwuchs geht, sondern um die Zukunft des ganzen Jahrgangs.

Sorge um die Zukunft der Kinder

"Viele Kinder hatten wegen der Pandemie gar nicht die Möglichkeit, ihre Leistungen so zu bringen, wie sie es eigentlich gekonnt hätten", sagt die Mutter. Die Viertklässler würden jetzt bestraft, weil sie nicht die Chance hatten, schlechte Leistungen aus der Vergangenheit auszugleichen. "Ich glaube, dass momentan viele Kinder unter ihrem eigentlichen Leistungsniveau liegen."

Die Frau kann nicht verstehen, warum nicht die Eltern entscheiden dürfen, auf welche Schule ihr Kind später gehen soll. Stattdessen sei ein Probeunterricht das Zünglein an der Waage. "Man würde doch ohnehin im ersten Halbjahr sehen, ob das Kind für die Schule geeignet ist oder nicht", erklärt sie und bezieht sich damit sowohl auf das Gymnasium als auch auf die Realschule.

"Mehr als fragwürdig"

Die Mutter ist mit ihren Sorgen nicht allein. Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), hat ein Statement veröffentlicht, in dem es heißt: "Dass der Notenschnitt in Deutsch, Mathe und HSU über die schulische Zukunft eines Viertklasskindes bestimmt, ist schon in normalen Zeiten mehr als fragwürdig." Bayern sollte sich ein Beispiel an anderen Bundesländern nehmen und auf das Übertrittszeugnis oder den Probeunterricht verzichten - gerade in diesem Jahr. Fleischmann: "Es kann nicht sein, dass auch in diesem Ausnahme-Schuljahr immer noch die Zahl hinter dem Komma bestimmt, welches Kind auf welche Schule gehen wird." Sie fordert, dass der Elternwille den Ausschlag geben soll.

Längere Grundschulzeit

Diese Meinung vertritt auch ihre Kollegin Tanja Fahrnholz, Vorsitzende des BLLV in der Stadt Amberg und Pressereferentin für den Verband in der Oberpfalz. Sie sagt: "Grundsätzlich sollte die Entscheidung, auf welche Schule das Kind geht, für den Elternwillen freigegeben werden." Einschränkend fügt sie hinzu, dass dies in enger Absprache mit der Lehrkraft abgestimmt werden müsse. Fahrnholz: "Der BLLV geht auch davon aus, dass die Eltern so vernünftig sind, zu entscheiden, was das Beste für das Kind ist." Insgesamt sei der Probeunterricht ohnehin nicht sonderlich aussagekräftig, wenn es darum geht, wofür sich ein Kind eignet. "Wir vom BLLV sind der Überzeugung, dass die 4. Klasse sowieso zu früh ist, um zu entscheiden, wie es mit dem Kind weitergeht", sagt Fahrnholz. Der Verbandsvertreterin zufolge sollten Kinder mindestens bis zur 6. Klasse zusammen in die Schule gehen, bevor sich klärt, welchen weiteren Weg sie einschlagen. "Dafür bräuchte es ein neues Konzept, das die Entscheidung den Pädagogen gemeinsam mit den Kindern und Eltern überlässt. Die weiteren Schritte bei einem Neunjährigen schon festzulegen, ist zu früh."

Dienstag bis Donnerstag

Das findet auch die Mutter, die sich Sorgen um die Zukunft der Viertklässler macht. Die Mädchen und Buben sollten später selbst entscheiden, wie es mit ihnen in Zukunft weitergehen soll. "In der 4. Klasse sind die Kinder noch gar nicht in der Lage, zu überblicken, was das für sie eigentlich bedeutet. Ich denke, dass es umso besser ist, je später die Unterteilung stattfindet." Es sei absurd, anzunehmen, dass beispielsweise die Gymnasien unter der Last zusammenbrechen würden, wenn Eltern künftig entscheiden können, wo ihr Nachwuchs zur Schule gehen soll.

Man kann es drehen und wenden, wie man möchte: Den Probeunterricht wird es auch heuer geben. Und zwar schon in dieser Woche. Auf der Website des Kunstministeriums heißt es in Bezug auf die Gymnasien: "Der Probeunterricht findet vom 18. Mai bis 20. Mai 2021 statt und wird im schriftlichen Teil mit zentral gestellten Aufgaben durchgeführt." Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig, weicht von dieser Entscheidung in einem Pressebeitrag nicht ab. Vielmehr fände sie es sinnvoller, die Prüfungsaufgaben anzupassen.

"Schlicht lächerlich"

Dabei handelt es sich um eine Aussage, die die Amberger Mutter, die sich an unsere Redaktion gewandt hat, nicht nachvollziehen kann. "Da werden den Kindern doch die Chancen genommen. Wenn das Kultusministerium nicht mal in Zeiten wie diesen von seinen Standpunkten abrücken und sagen kann, heuer war es anders, deshalb machen wir das auch anders, dann finde ich das schlicht lächerlich."

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Amberg

„Die weiteren Schritte bei einem Neunjährigen schon festzulegen, ist zu früh.“

Tanja Fahrnholz, BLLV Amberg

Tanja Fahrnholz, BLLV Amberg

Kommentar:

Übertrittsdruck nimmt ein Stück Kindheit

Es ist Quatsch, einen Zehnjährigen vor die Entscheidung zu stellen, auf welche Schule er gehen möchte. Und dennoch ist das gängige Praxis. Natürlich gibt es das Argument, das Schulsystem sei nach oben hin so durchlässig, dass jeder die Möglichkeit hat, sich in höhere Schularten und, wenn er das möchte, auch bis zum Abitur hochzuarbeiten.

Aber sind wir doch mal ehrlich: Der Übertritt ist die erste Stufe eines Selektionsprozesses, in dem entschieden wird, welche Wege dem Schüler offenstehen. Studierender oder Lehrling? Nicht, dass es irgendetwas an einem ehrlichen Handwerksberuf auszusetzen gäbe. Das Problem ist eher, dass sich ein Zehnjähriger kaum ernsthafte Gedanken darüber machen wird, was er einmal in zehn Jahren beruflich machen wird – sei es als Handwerker oder als Akademiker.

Der Übertrittsdruck macht aus den Mädchen und Buben kleine Erwachsene und nimmt ihnen ein Stück Kindheit. Der eine blüht früh auf, der andere später, so ist das nun mal. So viele Triebe, die eines Tages zur schönsten Blüte werden können, anhand eines Notendurchschnitts so früh zu stutzen, ist gemein.

Wolfgang Ruppert

 

 

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