22.06.2021 - 18:55 Uhr
AmbergOberpfalz

Der Grammer-Krimi: So hart war der Kampf gegen Hastor wirklich

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Vor vier Jahren kämpfte Grammer in der Übernahmeschlacht mit dem Investor Hastor um seine Existenz. Damals Beteiligte erzählen jetzt, wie hart und knapp es wirklich war. Eine Geschichte über Geld, Detektive, Verrat – und große Solidarität.

"Wenn der Hastor kummt, dann geht's hier rund": Im April 2017 protestieren 700 "Grammerer" in Haselmühl gegen den Investor.
von Julian Trager Kontakt Profil

Die Nacht vor dem Tag der Tage war kurz. Horst Ott schlief nicht gut, die Gedanken an morgen hielten ihn lange wach. Kommen genügend Menschen zum Protestieren? Was geschieht bei der Hauptversammlung? Ist das morgen das Ende von Grammer? „Alles war unsicher“, sagt er heute, vier Jahre später, über die Stunden vor der Versammlung. „Da schwitzt du schon. Das belastet dich auch privat, da bist du nicht mehr so entspannt.“ Horst Ott war als stellvertretender Aufsichtsratschef von Grammer und Erster Bevollmächtigter der IG Metall Amberg einer der Hauptprotagonisten im Krimi um den Oberpfälzer Autozulieferer im Frühjahr 2017.

Irgendwann in dieser Zeit stellte sich Martin Heiß eine seltsame Frage: „Wie bin ich jetzt in eine Folge Dallas gekommen?“ Die Kult-Fernsehserie um die Intrigen der Familie Ewing, sie war plötzlich so nah, so realistisch – und doch war alles so unwirklich. Heiß und die anderen Grammer-Aufsichtsräte seien gewarnt worden, Privatdetektive könnten sie auskundschaften. Der Betriebsrat ließ sich davon allerdings nicht verrückt machen. „Ich bin jetzt nicht die ganze Zeit mit dem Spiegel herumgelaufen und habe geschaut, ob ich verfolgt werde.“ Aber seiner Frau habe er schon gesagt, sie solle aufmerksam sein, wer daheim anruft, und keine Auskünfte geben. „Es war zu rechnen, dass die Gegenseite mit harten Bandagen kämpft.“

Wenn an diesem Mittwoch die diesjährige Grammer-Hauptversammlung stattfindet, erscheint der Kampf gegen die feindliche Übernahme der Hastor-Familie sehr weit weg. Als eine Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit. Dabei ist es erst vier Jahre her. Damals ging es um viel Geld, Macht und um tausende Jobs weltweit, allein um mehr als 2000 rund um Amberg.

Hastor schleicht sich ein

Anfang Februar 2017 wurde öffentlich, dass die in der Autobranche berüchtigte Familie Hastor Grammer-Aktien im großen Stil aufgekauft hatte. „Die haben das ganz clever gemacht, die haben sich mit zwei Investorengruppen eingeschlichen“, sagt Horst Ott. „Als wir dann kapiert haben, dass das der Hastor ist, war das ein echter Angstgegenstand“, erklärt Betriebsrätin Judith Uhlmann. Die Sinne waren geschärft. „Wir wussten, der kauft nicht einfach nur so auf“, sagt Martin Heiß.

Ein Jahr zuvor hatte Hastor mit seiner Firma Prevent zeitweise Volkswagen lahmgelegt. Dann rückte Grammer in den Fokus – wohl um erneut VW anzugreifen. Grammer ist einer der wichtigsten Zulieferer in der deutschen Autobranche. „Wenn wir streiken, dann stehen die Bänder bei VW, BMW und Daimler“, erklärt Ott, „mit Grammer kannst du diese Industrie schon erpressen.“ Entsprechend alarmiert waren die großen Hersteller, als der Hastor-Einstieg bekannt wurde. Kurz darauf brachen in Amberg die Aufträge ein, rund 300 Millionen Euro gingen dadurch allein im ersten Quartal 2017 verloren – die Auswirkungen sind bis heute zu spüren. Schon früh war also klar: Sollte Hastor übernehmen, sieht die Zukunft von Grammer düster aus.

Das Oberpfälzer Unternehmen war immer viel im Streubesitz, es gab keine großen Ankeraktionäre. Auf Hauptversammlungen erschienen nur rund 40 Prozent des Kapitals. Hastor hatte Ende Mai 2017 rund 25 Prozent der Aktien. Das hätte gereicht, den Vorstand und fünf von sechs Aufsichtsräten der Kapitalseite auszutauschen. „Bei einer normalen Hauptversammlung hätte Hastor durchregieren können“, sagt Ott.

"U-Boot" im Aufsichtsrat

In Amberg formierte sich eine ungewöhnliche Allianz. Arbeitnehmer, Gewerkschaft, Vorstände und Politik – alle gemeinsam gegen Hastor. „Für uns hat sich da die Front verändert“, sagt Gewerkschafter Horst Ott. Plötzlich arbeitete er ganz eng mit dem damaligen Grammer-Chef Hartmut Müller zusammen. „Wir haben in der Woche mindestens zweimal miteinander telefoniert.“ Manchmal klingelte sein Haustelefon auch noch um 23 Uhr, Müller war am Apparat. „Vorher haben wir nicht miteinander gesprochen – da haben wir uns halt gestritten“, sagt Ott und lacht. Ziel war, das Thema in die breite Öffentlichkeit zu bringen. „Wir wollten, dass die Aktionäre auch alle zur Hauptversammlung kommen“, meint Heiß.

Im Aufsichtsrat gab es ein Leck, ein „U-Boot“, wie es Martin Heiß nennt. Geheime Sitzungen waren gar nicht so geheim, später in der Hauptversammlung zitierte der Hastor-Anwalt daraus. „Die Hastoren wussten von vorne bis hinten über uns Bescheid“, sagt Ott. Als „Maulwurf“ galt ein Münchener Manager. Er war derjenige, der als einziger Aufsichtsrat nicht ausgetauscht werden sollte. Der einzige, der die eidesstattliche Erklärung, keinen Kontakt zu Hastor gehabt zu haben, nicht unterschrieb. „Obwohl es nahe lag, dass er das U-Boot ist, hätte man das nicht beweisen können“, sagt Heiß, deswegen sei das alles nur Spekulation. Nach der Niederlage von Hastor kam Liebler nicht mehr und trat später zurück.

Für die Aufsichtsräte ging es auch um persönliche Haftung. „Das war eine ganz andere Liga, da suchst du dir Unterstützung“, erklärt Ott. Mit einem Berater von Macquarie, eines der weltweit größten Investmentbanking-Unternehmen, gingen Ott und Co. in die Schlacht. Es war das Tor zu einer anderen Welt. „Auf einmal sitzt du in Frankfurt im Börsentower im ich-weiß-nicht-wievielten Stock mit Juristen und Investmentbankern“, sagt der IG-Metall-Mann. Als ihn einer der Herren fragte, ob er denn schon mal da war, antwortete Ott: „Ja, ich hab’ da unten gegen euch demonstriert.“ Ott lacht, als er die Anekdote erzählt und gibt dann zu: „Aber diese Kontakte haben uns irre geholfen.“

"Das wird ein Nachspiel haben"

Am Tag der Tage bekam Horst Ott einen irritierenden Anruf. Irgendwer von Siemens. Das, was heute passiert, werde ein Nachspiel haben, drohte die Stimme. Ott verstand nicht und vergaß den Namen des Anrufer gleich wieder, zu aufgeregt war er, so erzählt er es. Die Protestaktion vor dem ACC hatte bereits begonnen, fast zweitausend Arbeiter waren gekommen, von Grammer natürlich, aber auch von anderen Firmen aus der Oberpfalz. Und dann enterten 800 Siemensianer die Wiese, eine komplette Schicht hatte die Arbeit niederlegt. „Da habe ich dann auch gewusst, was der am Telefon meinte“, sagt Ott. „Das war ein Gefühl, da rennt die Jahre später noch dir Gänsehaut rauf und runter.“ Auch für Martin Heiß war das ein „erhebender“ Moment. „Das hat mir da schon den Tag gerettet“, sagt er, der heute Betriebsratsvorsitzender bei Grammer ist. „Aber ich hatte nie das Gefühl, das geht sicher gut“, erinnert er sich an die Hauptversammlung im Anschluss.

So war der Protest vor der Grammer-Hauptversammlung 2017

Drinnen im ACC lief Hastor-Anwalt Franz Enderle heiß. Der berüchtigte Jurist, der für die Erben von Leo Kirch Millionen erstritt oder Wirecard im Rechtsstreit mit der „Financial Times“ vertrat, feuerte gegen alles und jeden. Auch Nicole Schobert nahm er ins Visier. Wie viel die Betriebsrätin bezahlt bekommen habe, fragte Enderle, nachdem Schobert auf der Bühne gegen Hastor gesprochen hatte. Derweil hatte sie sich vor der Versammlung extra zwei Aktien gekauft, um reden zu dürfen. „Meines Wissens war alles war aus der Luft gegriffen“, sagt Martin Heiß zu den Vorwürfen. Irgendwann wurde der Anwalt von den Aktionären, rund 67 Prozent des Kapitals war anwesend, dann ausgebuht. „Das gab’s noch nie“, sagt Schobert.

Nachdem alle Hastor-Anträge abgeschmettert worden waren, fiel Vorstand Hartmut Müller seinem sonstigen Gegenspieler Horst Ott um den Hals. Martin Heiß ging an die Bar im ACC. „Da haben wir uns ein Bier eingeschenkt.“

Im Betriebsrat und bei der IG Metall Amberg erinnert man sich heute vor allem positiv an die turbulenten Monate. „Jeder, der dabei war, kann sich im Nachhinein auf die Schultern klopfen“, meint Heiß. Denn, da sind sich alle einig, wenn sich Hastor auf der Hauptversammlung durchgesetzt hätte, würde es Grammer heute nicht mehr geben.

Der Showdown auf der Hauptversammlung 2017 zum Nachlesen

Stellenabbau bei Grammer

Ursensollen
Grammer gegen Hastor:

Chronologie des Abwehrkampfes

  • Februar 2017: Grammer gibt bekannt, dass die in der Autobranche gefürchtete Familie Hastor mindestens 20 Prozent der Aktienanteile hält und fünf von sechs Aufsichtsräte sowie den Vorstand austauschen möchte. Hastor bestreitet eine „feindliche Übernahme“.
  • 10. März 2017: Die damalige bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) besucht das Grammer-Stammwerk in Haselmühl. In Belegschaft macht sich Angst breit, 2200 Arbeitsplätze rund um Amberg sind in Gefahr. Es formiert sich eine ungewöhnliche Allianz aus Vorstand, Betriebsrat, IG Metall, Belegschaft und Politik – alle gegen Hastor.
  • 24. April 2017: Um fünf vor zwölf protestieren deutschlandweit rund 2000 Mitarbeiter in den Standorten, rund 700 davon in Haselmühl. Bei der Kundgebung am 1. Mai sind knapp 500 "Grammerer" dabei.
  • 26. April 2018: Das chinesische Unternehmen Ningbo Jifeng kauft für rund 60 Millionen Euro 9,2 Prozent der Grammer-Aktien. Als „Weißer Ritter“ will Ningbo Jifeng die Hastor-Übernahme verhindern.
  • 9. Mai 2017: Krisengipfel im Wirtschaftsministerium in München. Zum ersten Mal reden Vertreter von Grammer und Hastor miteinander. Es kommt nichts dabei raus.
  • 23. Mai 2017: Der Tag vor der Hauptversammlung. Grammer erwartet fast doppelt so viele Aktionäre und Aktionärsvertreter als sonst im Amberger Congress-Centrum (ACC). 74 Prozent der Anteile sind angemeldet – aber kommen die tatsächlich auch alle?
  • 24. Mai 2017: Der Tag der Tage. Vor dem ACC demonstrieren rund 2500 Menschen. Grammer-Mitarbeiter aus ganz Deutschland und aus Tschechien sind da, aber auch sehr viele Leute aus anderen Oberpfälzer Unternehmen wie ATU, Constantia oder der Luitpoldhütte. Von Siemens marschiert eine komplette Schicht zum ACC. Horst Ott, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Amberg, steht auf der Bühne und sagt: „Das ist so bei uns in der Oberpfalz: Wer sich mit einem von uns anlegt, legt sich mit allen an.“
  • 24. Mai 2017: Um 20.15 Uhr endet die Hauptversammlung – nach zehn Stunden. Alle Hastor-Anträge werden von den Aktionäre abgeschmettert, Aufsichtsräte und Vorstand bleiben in ihren Ämtern. Für Hastor ist es eine heftige Niederlage, aber noch nicht das Ende.
  • 7. August 2018: Der chinesische Investor sichert sich 46 Prozent der Grammer-Aktien. Damit ist eine Hastor-Übernahme abgewehrt. Zwei Tage später besitzt Ningbo Jifeng 74 Prozent, Hastor hat sich von fast all seinen Anteilen getrennt.
  • 30. Juni 2020: Das 264 Jahre alte Unternehmen Halberg Guss stellt den Betrieb ein. Anfang 2018 hat die Hastor-Familie den saarländischen Autozulieferer übernommen, knapp ein Jahr später wieder weiter verkauft. 1600 Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren.

 

 

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