03.02.2021 - 17:29 Uhr
AmbergOberpfalz

Einreisebestimmungen bringen Tschechen und ihre Chefs an ihre Grenzen

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Die neuen Einreisebestimmungen an der deutsch-tschechischen Grenze fordern nicht nur die Berufspendler in den grenznahen Gebieten. Auch Arbeitgeber im Landkreis Amberg-Sulzbach klagen über den Mehraufwand. Eine Betroffene erzählt.

Wegen der strengeren Einreiseregeln für Menschen aus Tschechien nach Deutschland hat es an manchen Grenzübergängen in Bayern, wie hier Furth im Wald, lange Schlangen an den Teststationen gegeben. Auch Betriebe im Landkreis Amberg-Sulzbach sind von den geänderten Regeln betroffen.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Seit gut einer Woche zählt Tschechien laut dem Auswärtigen Amt als ein "Gebiet mit besonders hohem Infektionsrisiko". Aus diesem Grund dürfen unter anderem tschechische Berufspendler nach Deutschland nur noch einreisen, wenn sie ein negatives Corona-Testergebnis vorweisen können, das nicht älter als 48 Stunden alt ist. Für die Unternehmen und Betriebe direkt an der oberpfälzisch-tschechischen Grenze ist das natürlich ein großes Problem. Auch für Firmen im Landkreis Amberg-Sulzbach und der Stadt Amberg? "Sehr wohl", sagt die neue Geschäftsstellenleiterin der IHK, Yvonne Schieder.

Aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit gehe hervor, dass ungefähr 1000 Beschäftigte im Landkreis und der Stadt täglich aus Tschechien hierher pendeln, um ihrer Arbeit nachzugehen. "Es sind vor allem qualifizierte Arbeitskräfte in der Industrie, in der Arbeitsvermittlung und bei den Berufskraftfahrern", erläutert Schieder die Zahlen. "Mehr als man vielleicht auf den ersten Blick denkt."

Experten mit großem Know-How

Zu den 1000 zählen zum Beispiel die drei tschechischen Elektromonteure der Firma E-W-S GmbH in Ursensollen, die sich alle 48 Stunden der Testprozedur am Grenzübergang unterziehen müssen. "Wir sind wirklich gewillt, alle Vorgaben umzusetzen", sagt Gesellschafterin Judith Reif. Doch die Politik bringe die Wirtschaft durch schnelle Aktionen wie diese an die sprichwörtlichen Grenzen.

Oberpfälzer Firmen hängen von tschechischen Beschäftigten ab

Oberpfalz

"Unsere drei Beschäftigten sind enorm wichtig für unseren mittelständischen Betrieb. Auf ihr Know-How können wir schwer verzichten." Reifs Firma reinigt und wartet unter anderem Trafostationen für große Industriebetriebe, Kliniken und Kommunen. "Wir zählen zur kritischen Infrastruktur", sagt Reif, daher dürften die Tschechen weiterhin ihrer Arbeit in Ursensollen nachgehen.

Nach dem Chaos, das sich an jenem Montag nach der Einführung der neuen Grenzregeln, ereignet hatte, scheint es so, dass die Politik aus den kilometerlangen Staus an den Grenzen in Furth in Wald und Waldmünchen, den Schlangen an den Schnelltestzentren und den verschnupften Reaktionen aus der bayerischen Wirtschaft gelernt hatte. Mittlerweile sind auch Schnelltests an einem neuen Corona-Testzentrum bei Waidhaus möglich, weitere Maßnahmen sollen folgen, damit die Testkapazitäten ausgebaut werden können und der Ansturm entzerrt werde. Richtig rund läuft es aber immer noch nicht. Zumindest lässt sich das aus den Erfahrungen von Judith Reif heraushören.

500 Schnelltest an einem Tag möglich

Frankenreuth bei Waidhaus

"Die Berufspendler müssen sich ja immer entweder dienstags, donnerstags, samstags und montags bzw. montags, mittwochs, freitags und sonntags testen lassen", sagt Reif. Der größte Ansturm bleibe morgens und abends. Gerade eine Woche nach den kilometerlangen Staus nach Einführung der Grenzkontrollen sei ihr Trupp am Montag wieder zu spät zur Arbeit erschienen, klagt Reif. "Ich kann doch nicht von ihnen verlangen, dass sie sich zwischen 3 und 4 Uhr morgens am Schnelltest-Zentrum anstellen, damit sie um 6 Uhr drankommen und um 7 Uhr in der Arbeit sein können." Schließlich müssten die drei schon samstags in ihrer Freizeit zum Coronatest, damit sie bei der nächsten Einreise nach Deutschland im 48-Stunden-Rhythmus blieben. Andernfalls müssten sie online ihre Reise wieder anzeigen.

Geduld, Verständnis, Entgegenkommen

Auch der Geschäftsführer der Handwerkskammer der Oberpfalz/Niederbayern, Jürgen Kilger, kennt die Problematik mit den drei Test in einer regulären Fünftagewoche. "Erschwerend hinzu kommt, dass die Teststationen nur bestimmte Öffnungszeiten haben, es gibt auch Stoßzeiten mit besonders hohem Andrang – man kann sich also vorstellen, wie viel Zeit für die Tests verloren geht." Von den Arbeitgebern sei Geduld, Verständnis und etwas Entgegenkommen bei der flexibleren Einteilung von Arbeitszeiten gefragt. Immerhin sind es 13.500 tschechische Arbeitnehmer, die in seinem Bereich des Oberpfälzer Handwerks betroffen sind.

Doch das Problem der Ursensollener Firma: Es gehe nicht darum, dass die drei regelmäßig zu spät zum Unternehmensstandort kämen, "sie sind auf Montage unterwegs", erklärt Reif. Das hieße, Pförtner und Firmen mit Großbaustellen müssten immer wieder informiert werden, dass die eigenen Leute zu spät kämen. "Die Politik fängt etwas an, haut ein Datum wie den 24. Januar kurzfristig raus und die Konsequenzen werden nicht bis zum Ende durchdacht."

Diesen Vorwurf hört Yvonne Schieder von der IHK nicht zum ersten Mal. "Unser Coronateam ist seit Beginn der Pandemie ein wichtiger Ansprechpartner für unsere Mitglieder." Interne Juristen übersetzen für Firmen die neuen Regeln und "machen sie für den Alltag anwendbar". Die jüngsten Einreisebestimmungen an der tschechischen Grenzen seien eine Hauruck-Aktion gewesen, die "übers Wochenende schnell in Kraft getreten ist".

Eigene Teststation?

Schieder sieht bei der Testpflicht auch "wenig Spielraum für kreative Lösungen in den Firmen im Landkreis Amberg-Sulzbach". Natürlich könnten die Betriebe ihre Grenzpendler zum Hausarzt schicken oder eine Testmöglichkeit im eigenen Betrieb anbieten. "Das bedeutet aber nicht nur einen großen Aufwand, sondern auch hohe Kosten", stellt Schieder in Frage. "Lohnt sich das für drei Mitarbeiter wie in Ursensollen?"

Oder bietet man eine Unterkunft in der Nähe der Firma an? Eine Idee, über die auch Reif und ihr Mann bereits nachgedacht haben. "Wenn uns nichts anderes übrig bleibt...". Die Grenzpendler seien bereit. Auch wenn zwei von ihnen Familienväter sind. "Ihnen sind ihre Jobs hier wichtig."

Im Amberger Klinikum St. Marien ist genau das die Lösung für die 32 tschechischen Mitarbeiter. "Die tschechischen Ärzte bei uns am Klinikum haben überwiegend ihren Erstwohnsitz hier in unserer Region - also in Deutschland. Der Zweitwohnsitz ist in Tschechien", erklärt Sprecherin Sandra Dietl. Und an der "Test-Quelle" sitzt die Einrichtung sowieso: "Das Klinikum testet Mitarbeiter mittels PCR-Test über die eigene Abstrichstelle."

Für die anderen Betroffenen resümiert Schieder von der IHK: "Sollten die Testkapazitäten in Zukunft nicht ausreichend sein, damit die Grenzübergänge nicht schneller abgewickelt werden, beschäftigen uns Probleme wie fehlende Planungssicherheit und Ausfallzeiten der Mitarbeiter noch länger."

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